Dies ist ein sehr alter Beitrag. Er stammt aus der Zeit vor der thematischen Neuausrichtung dieses Blogs. Möglicherweise sind die folgenden Informationen veraltet!

Ein Kommentar in meinem Blog hat mich heute sehr geärgert. Das – besonders in der Agenturbranche weitverbreitete – „Flatrate-Arbeiten“. Sprich: Bei normalem oder meist eher niedrigem Gehalt sollen Überstunden inklusive sein. Unter der Überschrift „Zuviel Stress bei der Arbeit“ ein aktuelles Thema, wie man der Presse entnimmt.

Überstunden – Pauschale Mehrarbeit ist nicht erlaubt

Man findet dann in Arbeitsverträgen solche Sätze wie „etwaig anfallende Überstunden/Mehrarbeit sind mit dem Gehalt abgeolten“. Mich wundert, dass in der Branche sowas immer noch in Verträgen steht, denn es gibt ein höchstrichterliches Urteil vom Bundesarbeitsgericht.

Demnach ist pauschal abgegoltene Mehrarbeit grundsätzlich nicht erlaubt!

Denn es verstößt gegen das Transparenzgebot: Jeder Arbeitnehmer muss genau erkennen können, wieviel Geld er für wieviel Gehalt erhält. Pauschal ungeklärte Stunden mehr arbeiten darf es nicht geben, oder besser gesagt: Solche Klauseln sind unwirksam:

„Bestimmungen in Allgemeinen Geschäftsbedingungen sind unwirksam, wenn sie den Vertragspartner des Verwenders entgegen den Geboten von Treu und Glauben unangemessen benachteiligen. Eine unangemessene Benachteiligung kann sich auch daraus ergeben, dass die Bestimmung nicht klar und verständlich ist.“ § 307 BGB

So hat das Bundesarbeitsgericht geurteilt, das kann hier nachgelesen werden. Hier ging es um ein Gehalt von 1.800 Euro Brutto und über 900 unbezahlte Überstunden in 2 Jahren.

Mehrarbeit – Ausnahmen für Top-Verdiener

Kein Urteil oder Gesetz ohne Ausnahme: In anderen Fällen hat das BGH anders entschieden. Das lag aber daran, dass es dort sehr hohe Gehälter gab, genaueres könnt ihr hier dazu erfahren. In diesem Fall ging es um einen Anwalt mit 88.000 Euro Jahresgehalt.

Auch Überstunden habe ihre Grenzen

Egal ob unerlaubte PauschalÜberstunden oder nicht: Wer ein hohes Arbeitspensum hat, für den lohnt ein Blick in die Arbeitszeitgesetze. Denn der Arbeitgeber darf zwar Überstunden anordnen (und muss sie vergüten, siehe oben), aber er darf bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Eine schöne Zusammenfassung gibt es bei Wikipedia. Kurz zusammengefasst heißt es:

Nach der Grundregelung (…) darf die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.

Achtung hier beim Begriff „werktäglich“: Damit sind auch Samstage gemeint, also die höchste erlaubte durchschnittliche Wochenarbeitszeit sind 48 Stunden. Und auch hier gibt es jede Menge Ausnahmen: Führungskräfte, Jugendliche (haben andere Gesetze) und und und.

Haben wir denn eine Wahl?

Ich höre jetzt schon die ersten von euch sagen: „Mir bleibt keine Wahl, entweder Flatrate-Arbeiten in der Agentur oder arbeitslos“. Auch das kann ich nachvollziehen. Ich weiß wie schwer es ist, in der Grafikbranche einen (vor allem angemessen bezahlten) Job zu finden. Andererseits: Wenn alle aus dieser Angst heraus zu allem ja und amen sagen, wird sich nie etwas ändern. Vielleicht erledigt sich das Problem in ein paar Jahren von selbst, wenn der Fachkräftemangel die Designbranche erreicht.

Keine Kurzschlusshandlungen!

Wovor ich warnen möchte: Geht jetzt morgen nicht zu eurem Chef und sagt: „Im Internet hab ich gelesen, dass Sie das nicht dürfen wähwäh“. Das kommt gar nicht gut an. Vielleicht ist ein Gehaltsgespräch der bessere Ort um so etwas diplomatisch(!) anzusprechen.

Auch gefährlich für den Arbeitgeber

Übrigens spielen Arbeitgeber ein gefährliches Spiel mit den pauschalen Überstunden: Der Arbeitnehmer im oben genannten Gerichtsurteil vor dem Bundesarbeitsgericht hat erstritten, dass sein Arbeitgeber ihm über 900 Überstunden aus den letzten zwei Jahren ausbezahlen musste. Wenn man sich überlegt, dass nun jeder vergrätzte Mitarbeiter das erstreiten kann, wundert es mich, dass sich noch immer diese unerlaubten Sätze in Arbeitsverträgen wiederfinden. Im Zweifel brauchts da nur eine Rechtschutzversicherung und ein Nachweis der Stunden. Und da werden vor Gericht auch regelmäßig tagebuchartig festgehaltene Schriftstücke anerkannt. Also: Wenn ihr Stunden ohne Ende runterreißt – notiert euch jede einzelne!

Und falls Arbeitgeber auch noch gegen allgemeine Arbeitszeitgesetze verstoßen, drohen bis zu 15.000 € Geldstrafe pro Verstoß. Falls die Mitarbeitergesundheit geschädigt wird, kann das als Straftat sogar ein Jahr Haft geben!

(Hinweis: Ich gebe hier lediglich meine persönliche Meinung wieder. Ich bin kein Anwalt und biete keine Rechtsberatung, daher erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit dieses Textes. Im Zweifel am besten in solchen Dingen immer einen Anwalt konsultieren!)

Eure Meinung interessiert mich, schreibt doch mal anonym in die Kommentare, wie es bei eurem Job gehandhabt wird!

Andreas Poschen ist ein Spezialist für Konzeption, E-Commerce, UX und Digital Marketing aus Aachen. Er arbeitet als Product Owner Smart Home für Web, iOS und Android bei einem IT-Mittelständler und schreibt in diesem Blog über seine Arbeit als PO und seine Gedanken. Folgt ihm gerne auf:

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2 Kommentare zu “Überstunden inklusive – der Trend zum Flatrate-Arbeiten

  1. P on

    Vielen Dank für diesen gut und informativ geschriebenen Artikel.
    Ich hatte ein solches Arbeitsverhältnis in den letzten 1,5 Jahren – jedoch bei einem größeren mittelständischen, deutschlandweit tätigen Unternehmen.
    Im Vertrag stand etwas von 171 h im Monat zzgl. 29 h Mehrarbeit – das macht bei einem normalen Monat mit 21 Arbeitstagen 9,52 h reine Arbeitszeit am Tag. Zzgl. Pausen und Fahrtzeit, da kann man sich vorstellen wie viel vom Leben man dann noch hat.
    Zu Beginn hat mich das Gehalt gelockt, doch mit der Zeit dämmerte mir, dass das hier reine Ausbeutung war. Denn zusätzlich zur exorbitanten Zeit kam noch permanenter Dauerstress hinzu.
    Im Moment überlege ich, ob ich das im Nachhinein noch anfechten könnte, da ich allein 2012 ca. 2260 h gearbeitet habe, was schon über 200 Überstunden wären. In 1,5 Jahren kommen also ca. 300 Überstunden zusammen, die „mit dem Gehalt abgegolten“ waren.
    Herr Poschen, wissen Sie ob man das auch nachträglich angehen kann, wenn man während des Jobs einfach die Augen zugemacht hat?

    Nach 1,5 Jahren bin ich nun froh, zwischen 2 neuen Anstellungen auswählen zu können. Mit sage und schreibe STRENGER 40h-Woche (Freitags sogar 14/15 Uhr Feierabend) und trotzdem deutlich mehr Gehalt. Da geht man wieder gerne arbeiten und ist leistungsbereit- und auch fähig (!)

    Wie Herr Poschen sagt: bitte macht nicht euch und unseren ganzen Berufsstand durch Flatrate-Sklaverei auf Niedriglohnbasis kaputt.
    Meiner Meinung nach sollte ein guter MG nach ein paar Jahren Berufserfahrung auf jeden Fall über die 30 000 p.a. kommen – und wenn man es gut anstellt/Glück hat erreicht man auch 35 und mehr.
    Aber Achtung: ich rede von Süddeutschland – Bayern, BW, RP, Hessen – dort habe ich Erfahrung mit Gehältern. Es gibt deutschlandweit natürlich Schwankungen, ganz klar. Hängt dann meist auch mit den Lebenshaltungskosten zusammen, nicht vergessen!

    Lasst euch also nicht verpulvern, und sucht lieber etwas länger nach einem besseren Job.

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  2. hannes on

    Bedauerlichrweise ist dies auch in anderen Firmen der Fall. In meinem letzten Arbeitsverhältnis haben die meisten Mitarbeiter Überstunden von 200…600 angesammelt. Finde ich absolut erschreckend und eigtl. müsste dies gemeldet werden. Es kann nicht angehen, dass die Mitarbeiter zur Arbeit gedrängt werden und die geleisteten Überstunden NICHT bezahlt bekommen oder diese abfeiern können. Solchen Firmen sollte man einfach den Rücken kehren…alle gemeinsam.

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