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In der Artikelreihe „Kognitive Verzerrung der Woche“ werden in regelmäßigen Abständen systematische fehlerhafte Neigungen des Menschen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen vorgestellt. Sie sollen dir helfen, bessere Entscheidungen zu fällen oder das Verhalten anderer zu erklären. Und sie sollen natürlich unterhalten.

Der wohl menschlichste Fehler im Urteilsvermögen

Zu Beginn dieser Artikelserie möchte ich mit dem wohl menschlichsten Fehler im Urteilsvermögen starten: Der „Sunk Cost Fallacy„, auf deutsch etwa der Trugschluss der versunkenen Kosten.

Sunk costs sind in der Vergangenheit entstandene Aufwände oder Kosten, die unwiederbringlich sind. Sie sollten bei der Entscheidung, ob es sinnvoll ist, ein Projekt oder Thema weiter zu verfolgen nicht in Betracht gezogen werden.

Der Mensch neigt dazu, diesen versunkenen Kosten emotional sehr viel Bedeutung beizumessen. Solange uns die Sunk Cost Fallacy nicht bewusst ist, vergleichen wir nicht rational und objektiv die Kosten und Nutzen der Zukunft. Diese können wir noch beeinflussen, bei Vergangenem ist das nicht möglich.

Die Sunk Cost Fallacy steckt in unserem Alltag

Meist beginnt die Fallacy mit Sätzen wie „Wir haben bereits soviel Geld ausgegeben/Zeit aufgewendet, wir können doch nicht einfach …“. Doch, können wir. Wir müssen. Aber gehen wir für das Verständnis einmal weg von Arbeits-Projekten und Geld. Schauen wir in unseren Alltag:

  • Habt ihr schon mal einen Teller leergegessen, obwohl ihr satt wart?
  • Habt ihr schon mal ein Buch zu Ende gelesen oder einen Film zu Ende geschaut, obwohl er euch gelangweilt hat?
  • Seid ihr schon mal mit einer Person nur deshalb zusammen geblieben, weil ihr bereits so lange zusammen wart?

rawpixel / Pixabay

Dann seid ihr auf die Sunk Cost Fallacy hereingefallen! Wir sollten uns lediglich fragen:

  • Habe ich mehr Vor- als Nachteile, wenn ich diesen Teller leer esse? Nein, ich habe nur Nachteile. Ich werde dick, ich fühle mich voll und unwohl, kriege Sodbrennen. Nichts spricht dafür, den Teller leer zu essen, ich habe keinen Hunger.
  • Habe ich mehr Vor- als Nachteile, wenn ich dieses Buch zu Ende lese? Nein, ich habe nur Nachteile. Ich vergeude sehr viel Zeit, die ich anders verwenden könnte mit etwas, dass mich langweilt und unnötig ist.
  • Habe ich mehr Vor- als Nachteile, wenn ich mit dieser Person zusammenbleibe? Nein, ich habe überwiegend Nachteile, wir streiten, haben unterschiedliche Interessen und keine Lebensfreude. Es spricht nichts dafür, mit der Person zusammenzubleiben.

Was wir stattdessen tun – wir denken:

  • Ich hab den Teller Essen bezahlt, dann muss ich ja auch aufessen, sonst hat sich das nicht gelohnt
  • Ich hab jetzt schon soviel Zeit für das Buch aufgewendet, dass wäre ja völlig für die Katz gewesen
  • Wir sind jetzt schon 5 Jahre zusammen – will ich diese Zeit wirklich wegwerfen?

Das ist ein Fehlschluss – ver(sch)wendete Zeit oder Geld können wir in diesem Fall nicht zurückholen, sie sind unwiederbringlich verloren. Einzig und allein die messbaren und beeinflussbaren Parameter der Zukunft sollten unsere Entscheidung leiten. Beendet das Buch, wenn ihr die Zeit besser verwenden könnt, lasst den Teller halbvoll stehen, wenn ihr euch besser fühlt. [Nur bei der Liebe – da solltet ihr sicher sein, dass ihr alle beeinflussbaren und zukünftigen Parameter kennt ;-)]

Ver(sch)wendete Zeit oder Geld können wir nicht zurückholen, sie sind unwiederbringlich verloren. Einzig und allein die messbaren und beeinflussbaren Parameter der Zukunft sollten unsere Entscheidung leiten.

Andreas Poschen
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Die Sunk Cost Fallacy in der Wirtschaftswelt

In der Wirtschaft würde man es wohl so formulieren: Das Weiterführen eines Projekts darf ausschließlich von beeinflussbaren Nutzen und Aufwänden abhängen, nicht von unwiederbringlich verlorenen Kosten in der Vergangenheit.

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Beispiel: Wir haben ein Tool angeschafft, das immens Geld verschlungen hat. Sagen wir 10.000 Euro. Einführung und Nutzung sind eine Katastrophe, das Tool ist unbrauchbar. Weitere 100.000 Euro Investitionen und viele Personalwechsel haben keinen Erfolg gebracht. Nun haben wir Handlungsoptionen: für weitere 50.000 Euro das Tool nochmals ausbessern mit überwiegend negativen Erfolgsaussichten oder für 50.000 ein komplett neues Tool anschaffen, bei dem es erwiesenermaßen bessere Erfolgsaussichten gibt.

Der Mensch neigt zu: Wir haben in das Tool bereits so viel Geld investiert, es wäre eine Schande, dass das alles umsonst gewesen ist. Außerdem ist das Tool viel teurer als das Tool ganz am Anfang. Richtig wäre jedoch Option Nummer 2.

Von Flughäfen und Flugzeugen

In der Presse gibt es zahlreiche Beispiele für die Sunk Cost Fallacy. Vor allem bei Politikern. Der Flughafen Berlin Brandenburg beispielsweise ist ein Milliardengrab und es ist kein Ende in Sicht. Aber kein Politiker traut sich zu sagen: Ok, Abreißen und Neubauen wäre die bessere Option. Das Volk würde schreien: „Aber es wurden doch bereits 5,2 Milliarden investiert!“ (Stand 02/2019), weil sie alle der Sunk Cost Fallacy anheim fallen. Ausschließlich die beeinflussbaren Faktoren der Zukunft sollten relevant sein für diese Entscheidung.

Wenn du in Zukunft über das Schicksal eines Projekts entscheiden musst. Sei der Airbus A380 – und nicht der Flughafen BER

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Beim Airbus A380 hingegen ist es anders gelaufen: Man hat sich verschätzt, die Planungen und Annahmen sind nicht aufgegangen. Die Annahmen der Konkurrenz schon. Trotz Milliardenkosten wird er nun eingestellt. Warum? Weil die versunkenen Kosten keine Rolle spielen. Einzig die Kosten und Nutzen der Zukunft spielen eine Rolle. Und die sind eindeutig. Hier greift die Volksmund-Version der Sunk Cost Fallacy: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Also, wenn du in Zukunft über das Schicksal eines Projekts entscheiden musst: Sei der Airbus A380 – und nicht der Flughafen BER. Mache dich auf Gegenwind gefasst, denn die dummen Menschen werden von einem Desaster sprechen. Aber die schlauen Menschen kennen die Sunk Cost Fallacy und können deine Entscheidung nachvollziehen.

Titelbild: Roger Green from BEDFORD, UK, derivative work LämpelAirbus A380, CC BY 2.0, Link

Andreas Poschen ist ein Spezialist für Konzeption, E-Commerce, UX und Digital Marketing aus Aachen. Er arbeitet als Product Owner Smart Home für Web, iOS und Android bei einem IT-Mittelständler und schreibt in diesem Blog über seine Arbeit als PO und seine Gedanken. Folgt ihm gerne auf:

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Ein Kommentar zu “Sunk Cost Fallacy – Der Trugschluss der versunkenen Kosten

  1. rob on

    Ist wirklich erstaunlich verbreitet, daher gut, noch mal daran zu erinnern.
    Kleine Korrektur:
    „Ich vergeude sehr viel Zeit, die ich anders verwenden könnte mit etwas, dass mich langweilt und unnötig ist.“ ->
    „Ich vergeude sehr viel Zeit, die ich anders verwenden könnte als mit etwas, das mich langweilt und unnötig ist.“ ?

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